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Diözesanverband Rottenburg-Stuttgart

Aktion-Pflege-Mitbestimmung

Freizeitsicherer Dienstplan

am Beispiel der RAH Reutlingen - verlässliche Erholungsphasen sind möglich! 

Zur Person:  Michael Armborst, 63, gelernter Betriebswirt, ist seit 8 Jahren Betriebsratsvorsitzender der Reutlinger Altenhilfe gGmbH (RAH), 530 Beschäftigte in 6 Häusern, 11 BR Mitglieder, 8 Frauen 3 Männer. Wir haben ihn bei unserer Reutlinger Aktion „Dauerschichten abschaffen“ kennen gelernt.

Seit 3 Jahren gilt in der RAH, inklusive ausgegründeter Servicegesellschaft, ein Rhythmus von 7 Tage Arbeit, dann 2 Tage frei, 3 Tage Arbeit, Wochenende frei. Dafür hatte der Betriebsrat 4 Jahre gekämpft.

Michael, ist dieser Erfolg auf andere Einrichtungen übertragbar?

Grundsätzlich Ja, denn Mitbestimmung bei der Lage der Arbeitszeit ist erzwingbare Mitbestimmung.

Voraussetzung ist, dass eine Mehrheit im Betriebsrat gewillt ist dafür zu kämpfen und sich der rechtlichen Lage bewusst ist. Natürlich ist das viel Arbeit, es ist ein Prozess und man braucht klare Argumente. Hier war es die schlichte Tatsache, dass Kolleg:innen dadurch 20 Tage mehr frei haben im Jahr.

Aktuell habt Ihr weitere Projekte gestartet?

Genau. Wichtig ist mit dem Plan 7-2-3-2 eine Grundlage zu haben. Damit diese auch umgesetzt werden kann, braucht es weitere Schritte. Hier nutzen wir das Initiativrecht des Betriebsrates. Wir machen Vorschläge zu Freizeitsicherem Dienstplan und zum Springerpool.

Die Problematik ist, dass Kolleg:innen an freien Tagen angerufen werden, um einzuspringen. Das ist für beide Seiten untragbar, für die Kolleg:innen und für die Dienstplangestalter.

Wie sieht Eure Lösung aus?

Das Projekt Freizeitsicherer Dienstplan läuft derzeit in zwei Häusern auf freiwilliger Basis. Kolleg:innen  geben Tage an, an denen sie bereit sind gegebenenfalls einzuspringen, also angerufen werden können. Wir erstellen einen Boardingplan. So weiß der Dienstplaner wen er anrufen kann, das ist entlastend. Die Kolleg:innen wählen ihre Tage aus und müssen nicht jeden freien Tag mit einem Anruf rechnen, oder sich rechtfertigen, warum ihr freier Tag frei bleiben soll. Die Bereitschaft wird entlohnt. Falls es zum Einsatz kommt, gibt es nochmal Geld und die geleisteten Stunden werden im übernächsten Monat ausbezahlt. Für maximal 4 Tage im Monat können sich Kolleg:innen in den Boardingplan eintragen. Die Erfahrung ist bislang, dass 10% der Bereitschaften zum Einsatz kommen.

Demnächst wird der Pilot ausgewertet. Dann kann auch berechnet werden, was das Ganze kostet. Man kann jetzt schon sagen, dass der Entlastungseffekt groß ist, einfach weil es eine verlässliche Regelung gibt, die funktioniert.

 

Und der Springerpool ?

Der Springerpool dient ebenfalls zur Entlastung. Überstunden werden abgebaut. Überstunden sind ja Verbindlichkeiten des Arbeitgebers. Forderungen, die sich aus bereits geleisteter Arbeit ergeben.

 

Wie funktioniert euer Modell?

Der Grundgedanke ist, Menschen zu finden, für die aus familiären Gründen der reguläre Dienstplan zeitweise nicht passt. Statt teure Leiharbeit zu bezahlen stellen wir selbst Springer an.

Ein Springer erstellt seinen Monatsarbeitsplan selbst, gibt diesen bei der zentralen Planung ab. Diese schaut nach dem Match: welches Haus hat viele Überstunden, wo kann der Plan passen? Der Springerplan wird an das Haus weitergegeben, die Hausleitung kann den Springer einsetzen und Kolleg:innen bauen Überstunden ab.

 

Wie sind die Erfahrungen bislang?

Eine günstige Voraussetzung ist , dass unsere Häuser alle im Umkreis von 10 km liegen, also gut erreichbar sind. Wichtig als Anreiz ist, dass der Hauswechsel zusätzlich entlohnt wird. Grundsätzlich ist die Bindung ein Monat im selben Haus. Wir vom Betriebsrat sehen für das Unternehmen großes Potential in diesem Modell, sowohl was Entlastung und damit Berufszufriedenheit betrifft, als auch Gewinnung neuer Mitarbeitenden. Spannend wird, inwiefern die einzelnen Hausleitungen bereit sind das Ganze im Blick zu haben und dafür sich in ihre eigenen Pläne reinschauen lassen.

 

Nochmal zurück zum Ausgangspunkt: wie ist es Euch als Betriebsrat gelungen diese Dinge auf den Weg zu bringen?

Am Anfang stand eine Klausur, an der wir die Grundlagen der Konzepte im Betriebsrat erarbeitet haben. Danach folgte viel Feinarbeit und Abstimmung mit der Geschäftsleitung und einzelnen Abteilungen. Bei den Projekten Freizeitsicherer Dienstplan und Springerpool sind wir weiterhin auf Einsicht, Erfahrungen und die Überzeugungskraft guter Argumente angewiesen. Beim Arbeitsrhytmus 7 Tage, 2 Tage, 3 Tage, Wochenende haben wir uns durchgesetzt, weil eine Mehrheit zu dem Beschluss stand und glaubwürdig versichert hat, dies auch vor dem Arbeitsgericht zu erstreiten. Eben weil die Mehrheit bereit war zu kämpfen.

 

Das Interview führte Maria Sinz, Regionalsekretärin in Aalen und Referentin für Gesundheits- und Pflegepolitik der KAB DRS.

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