KAB im Gespräch mit Pflegerinnen der Samariterstiftung in Aalen, 29.4.2026
Die Gesprächspartnerinnen Silke Wettenmann, Andrea Voitl-Echsler und Sylvia Brenner-Merz bringen zusammen 116 Jahre Berufserfahrung in der Altenpflege mit, dazu Ausbildungen zur Sozialfachwirtin, Pflegedienstleitung, Heimleitung.
KAB : Was liebt Ihr an eurem Beruf ? Worauf seid Ihr stolz?
Silke: Mit einem Wort, die Vielfältigkeit. Kein Tag ist wie der andere, sowohl in der direkten Pflegearbeit als auch in der Organisationsarbeit. Wir arbeiten mit Menschen. Ich bin immer direkt mit meiner Kompetenz gefordert, sei es in der Anleitung der Auszubildenden, im Begleiten der Bewohner, beim Organisieren von „Events“, im Umgang mit Behörden, es gibt keine Monotonie.
Andrea: Das Besondere in der stationären Pflege ist, dass wir Menschen ein zu Hause geben. Die Arbeit lebt aus der Beziehung zu den Bewohnerinnen und Bewohnern. Gerade weil es das letzte zu Hause ist, freuen wir uns , wenn es gelingt Menschen zu beheimaten. Ich war in unterschiedlichen Pflegebereichen tätig und bin in die stationäre Pflege zurückgekehrt. Selbst in der Zeit als ich im Pflegeunterricht tätig war stellten sich vorhersehbare Wiederholungen ein. Hier geht es um das Leben an sich, und zwar in der besonderen Phase am Lebensende.
Sylvia: Wir arbeiten in einem permanenten schöpferischen Prozess. Damit meine ich auch die Bewältigung unzählig neuer Herausforderungen, die sich aus Veränderungen ergeben. Die Blickrichtung ist immer das Wohl der Bewohner.
KAB: Dies ist das Stichwort zu meiner nächsten Frage. Was fordert aktuell am meisten heraus?
Sylvia: Die Vielzahl an Vorgaben und Dokumentationspflichten stellt derzeit eine große Herausforderung dar. Im Vergleich zu früher bleibt dadurch deutlich weniger Gestaltungsspielraum im Pflegealltag. Teilweise entsteht der Eindruck, dass sehr detaillierte Eintragungen – etwa zu einzelnen pflegerischen Handgriffen – einen unverhältnismäßig hohen Stellenwert einnehmen. Angesichts unseres professionellen Selbstverständnisses, Menschen ein echtes Zuhause zu ermöglichen, binden diese Anforderungen viel Zeit, die wir gerne noch stärker in die direkte Arbeit mit den Bewohnerinnen und Bewohnern investieren würden.
Andrea: Es ist ermüdend, permanent gegen das Ignorieren unserer Fachlichkeit hinzustehen.
Silke: Es wurde viel über Entlastung von Dokumentation geredet, auch manches entworfen, aber leider nach wie vor praxisuntauglich. Trotz intensiver Diskussionen über die Entlastung der Dokumentation und zahlreicher konzeptioneller Ansätze erweisen sich viele davon weiterhin als praxisfern.
Sylvia: In der aktuellen Bewertungspraxis zeigt sich stellenweise eine stark regelorientierte Auslegung der Qualitätskriterien. Aus unserer Sicht besteht hier Potenzial, die Bewertung noch stärker an der fachlich begründeten Versorgungsqualität und der Lebenswirklichkeit der Bewohnerinnen und Bewohner auszurichten. Eine Weiterentwicklung der Prüfsystematik hin zu mehr fachlichem Ermessensspielraum könnte dazu beitragen, pflegerische Professionalität angemessener abzubilden.
Die jährlichen Prüfungen durch den Medizinischen Dienst sowie weitere regelmäßige Kontrollen durch unterschiedliche Aufsichtsbehörden binden einen erheblichen Teil der vorhandenen Ressourcen. Eine bessere Abstimmung der Prüfverfahren sowie eine stärkere Bündelung und Fokussierung auf zentrale Qualitätsaspekte könnten den administrativen Aufwand reduzieren. Dadurch würde mehr Zeit für die eigentliche Pflegearbeit sowie für konzeptionelle Weiterentwicklung frei. In diesem Sinne sehen wir Ansatzpunkte, das politische Ziel der Entbürokratisierung im Pflegealltag spürbarer werden zu lassen.
KAB: Welche Erfahrungen macht Ihr in der Zusammenarbeit von jungen und älteren Kolleg*innen? Stichwort Generationswechsel.
Silke: In der Anleitung unserer Auszubildenden bin ich fortlaufend gefordert meine eigene Sozialisation und Prägung zu reflektieren. Im Rückblick bewerte ich die strenge Disziplin, Ordnung und Erwartungshaltung meiner eigenen Ausbildungszeit als für mich persönlich hilfreich. Es war fast wie Erziehung. Sie hat mich tatsächlich stark gemacht. Aber die damaligen Umgangsformen sind nicht auf heute übertragbar. Das ist auch gut so. Gefordert ist Toleranz und Umsicht, sich auf Augenhöhe auseinandersetzen mit jungen Erwachsenen.
Andrea: Jede Zeit hat ihre eigene Gestalt. Die Frage ist doch: wie geht Gesellschaft heute mit jungen Menschen um? Im Unterschied zu heute sind wir früher mit Zuversicht auf soziale Absicherung aufgewachsen. Wir hatten viel mehr Raum, das hat zu unserem Idealismus beigetragen, aus dem heraus wir unseren Beruf verstehen. Heute sollen junge Menschen immer nur liefern, selbstoptimiert und ergebnisorientiert.
Sylvia: Größer als die Frage der Generationen ist für uns ist die Frage der interkulturellen Zusammenarbeit. Die Samariterstiftung akquiriert seit vielen Jahren aktiv international. Neben Sprache und Ausbildung kamen damit Aufgaben auf uns zu wie Wohnungssuche, Impfungen organisieren und entsprechend Ärzte finden, Arbeitsgenehmigungen bekommen, Aufenthaltsstatus klären, Leute am Flughafen abholen, bis hin zur Einführung in Mülltrennung und Strom-und Wasserabrechnung mit den Stadtwerken. Wir arbeiten mit jungen Menschen, die hier auf sich gestellt ihr Leben aufbauen, da gehört auch mal Trost bei Liebeskummer zur kollegialen Begleitung. Nach 10 Jahren tätiger Aufbauarbeit, die wir selbst geleistet haben, gibt es jetzt regional eine 50% Stelle Integrationskoordination.
Silke: Wir beobachten, dass junge Pflegekräfte, vom Studium kommend, zu schnell in Verantwortung „gesteckt“ werden. Studium kann nicht Erfahrungswissen ersetzen. Ihnen fehlt die Resilienz, die aus gewachsener Berufserfahrung angeeignet wird. Dann halten sie den Anforderungen nicht stand. Wir stellen einen häufigen Wechsel in Leitungspositionen fest. Es kann eben unangenehm sein , fortlaufend Entscheidungen treffen zu müssen.
KAB: Unsere letzte Frage. Was sind Ihre Forderungen an Politik?
Sylvia: Wir plädieren für eine gute Balance zwischen notwendiger Kontrolle und Vertrauen in die professionelle Verantwortung der Pflege. Eine Stärkung der Fachlichkeit dient letztlich dem Menschen und der Qualität der Begleitung.
Andrea: Die Ungleichbehandlung zwischen ambulant und stationär beenden. Wir beobachten, dass Menschen, die in stationärer Pflege leben, vergleichsweise schlechter wegkommen bei der Einstufung in Pflegegrade. Das hat immer unmittelbare Auswirkung auf unseren Pflegeschlüssel.
Sylvia: Kontrolle verantwortungsvoll gestalten und die fachliche Kompetenz der Pflegenden nachhaltig stärken – im Dienst am Menschen.
Silke: Menschen, die sich aus anderen Ländern auf den Weg machen, hier eine Pflegeausbildung beginnen und ihr Leben aufbauen, sollte dies auch seitens der Behörden tatsächlich einfach gemacht werden. Bei einem unserer Kollegen hat es 10 Jahre gedauert bis er die Staatsbürgerschaft bekam.
Andrea: Vielleicht lässt es sich im Begriff Respekt zusammen fassen. Wir erwarten mehr als gelegentliche verbale Anerkennung. Unser Selbstbewusstsein beziehen wir aus unserem konkreten Tun, nicht von außen. Gute Arbeit wird hier im Haus durch eine klare und sehr konstruktive Leitung möglich, und das füreinander Einstehen, unter unzulänglichen Rahmenbedingungen.
Silke: Bei Zukunftsfragen wird immer auf die Zahlen der mehr werdenden Menschen mit Pflegebedarf bei gleichzeitig weniger werdenden Pflegekräften geschaut. Das wirkliche Problem wird die Effizienz werden, was heute von einem 5er Leitungsteam gestemmt wir, dafür wird es in einigen Jahren 10 Menschen brauchen.
Sylvia: Grundsätzlich erwarte ich von der Politik, dass sie endlich akzeptiert Pflege kostet Geld. In jedem anderen Bereich wird Förderung der Wirtschaft akzeptiert. Wir schaffen sinnstiftende Arbeitsplätze.
Gewaltprävention - Was nicht zur Stellenbeschreibung gehört
Die Mauer des Schweigens durchbrechen. Präventionsmaßnahmen zum Schutz vor Gewalt sind ein Beitrag zu Guter Pflege, Guter Arbeit - und wirtschaftlich sinnvoll.
Treffpunkt
für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in der Pflege
Wer?
Ambulante Pflege und stationäre Langzeitpflege: Pfleger*innen, Betreuungskräfte, Familienpfleger*innen, Verwaltungskräfte, Techniker, hauswirtschaftliche Angestellte.
Wozu ?
Austausch über Arbeitsalltag, gegenseitige Stärkung und Vernetzung, konkrete Hilfestellungen, z.B. faire Dienstplangestaltung
Was ?
Info-Treffen, Gespräche mit Politiker*innen, Aktionen, Ruhepol – Auszeittage.
Beitritt zur KAB ist gewünscht, doch keine Voraussetzung, offen für Menschen mit und ohne religiöser oder konfessioneller Bindung.
Ca. drei Treffen jährlich. Ansprechpartnerin: MSinz@blh.drs.de