Im Mittelpunkt des Gottesdienstes standen die oft unsichtbaren Lasten vieler Menschen – insbesondere von Frauen – sowie die Fragen nach Würde, Gleichberechtigung und gelebter Solidarität. Bereits im Eingangsbereich der Kirche konnten Besucherinnen und Besucher an einer Mitmach-Aktion teilnehmen: In zwei Körben wurden anonym persönliche Erfahrungen gesammelt. In den Korb „Lasten“ legten Teilnehmende Ungerechtigkeiten, die sie im Alltag erleben; im Korb „Würde“ wurden Gedanken und Wünsche für ein gerechteres Leben notiert.
Der Gottesdienst griff eine scheinbar positive Statistik auf: Frauen leben im Durchschnitt länger als Männer. Doch die zentrale Frage lautete: Wovon leben sie länger? Von finanzieller Sicherheit und Anerkennung – oder von unsichtbarer Arbeit, Einsamkeit und der Sorge vor Altersarmut?
„Manche leben länger – aber mit weniger Geld. Andere leben kürzer – weil Armut krank macht. Manche werden alt – aber einsam. Andere sind jung – aber schon müde“, hieß es im Leitmotiv des Gottesdienstes.
Zu den Höhepunkten zählten die musikalische Gestaltung durch die Band Invite der katholischen Gesamtkirchengemeinde Geislingen sowie eine dialogische Hinführung zweier Sprecherinnen, die die Widersprüche zwischen statistischer Lebenserwartung und tatsächlicher Lebensrealität thematisierten. Auch die Predigt nahm in einem Dialog über die Rollenbilder von Marta und Maria von Bethanien aus dem Evangelium nach Lukas Fragen nach Anerkennung von Arbeit und gesellschaftlichen Rollen auf.
Der Gottesdienst wollte nicht nur Missstände benennen, sondern auch zum Handeln ermutigen. „Gott ruft uns nicht in die Resignation, sondern in die Wahrheit – und in den Mut“, betonte eine Sprecherin.
Lebhafte Diskussion über Rente und Generationengerechtigkeit
Beim anschließenden Frühschoppengespräch im Gemeindehaus eröffnete Leni Breymaier die Diskussion mit einem interaktiven Einstieg. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer positionierten sich im Raum zu Fragen über aktuelle und frühere Renten- und Krankenversicherungsbeiträge. Die Übung brachte Bewegung und führte schnell zu einem intensiven Austausch.
Für Überraschung sorgte eine weitere Frage der Referentin: Wie viele Menschen besitzen weltweit so viel Vermögen wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung? Die richtige Antwort – nur zwölf Personen – verdeutlichte die enorme Ungleichverteilung von Reichtum.
Anschließend zeichnete Breymaier anhand ihrer eigenen Biografie die Entwicklung der Rentenpolitik nach. Die 66-Jährige begann ihre berufliche Laufbahn im Einzelhandel in Ulm, wurde später Gewerkschaftssekretärin und war zehn Jahre lang Landesbezirksleiterin von ver.di in Baden-Württemberg. Danach zog sie für die Sozialdemokratische Partei Deutschlands in den Bundestag ein. In ihrem Beitrag kritisierte sie die seit Jahren ungelösten strukturellen Probleme des Rentensystems.
„Es wird oft so dargestellt, als würden die Jungen die Alten ausbeuten. Dabei haben die heutigen Rentnerinnen und Rentner jahrzehntelang eingezahlt, als es noch viel weniger Rentner gab“, erklärte Breymaier. Zugleich hätten viele junge Menschen heute schlechtere Voraussetzungen, ausreichend Beiträge zu leisten.
Frauen besonders von Altersarmut betroffen
Besonders deutlich sprach Breymaier die Situation von Frauen an. Viele hätten wegen Teilzeit, Kindererziehung oder niedriger Löhne deutlich geringere Rentenansprüche. „Viele meiner ehemaligen Kolleginnen aus dem Einzelhandel haben ihr Leben lang gearbeitet und bekommen heute nur eine Mini-Rente“, sagte sie.
Die Referentin forderte deshalb eine stärkere Erwerbsbeteiligung von Frauen, gerechtere Löhne und strukturelle Verbesserungen im Rentensystem. „Es kann nicht sein, dass eine Buchhalterin mit Kindern am Ende weniger Rente bekommt als ein kinderloser Mann im gleichen Job. Das ist eine Frage der Gerechtigkeit.“
Trotz ihrer Kritik sprach sich Breymaier klar für den Erhalt des Umlagesystems aus. „Wir müssen das System weiterentwickeln, nicht abschaffen. Nur mit mehr Gerechtigkeit bei Löhnen, Erwerbschancen und Rentenansprüchen können wir erreichen, dass alle Generationen fair behandelt werden.“
Der Gottesdienst und das Gespräch machten deutlich: Die Frage nach sozialer Gerechtigkeit bleibt hochaktuell – besonders wenn es um die Lebensrealität von Frauen im Alter geht.