Aus Anlass des 150ten Todestages von Wilhelm Emmanuel von Ketteler (13. Juli 2027)
Am 19. November 1848 predigte Wilhelm von Ketteler, damals Mitglied der Deutschen Nati onalversammlung und noch nicht Bischof von Mainz, in der Mainzer Kirche St. Peter und ab dem 3. Dezember, über die Adventszeit hinweg, fünfmal im Mainzer Dom. Für die damaligen Messbesucher:innen ungewohnt - vermutlich sogar skandalös - hielt er sechs politische Predigten über »Die großen socialen Fragen der Gegenwart«.
»Wollen wir […] die Zeit erkennen, so müssen wir die sociale Frage zu ergründen suchen. Wer sie begreift, der erkennt die Gegenwart, wer sie nicht begreift, dem ist Gegenwart und Zukunft ein Rätsel.«1
Mit diesen Adventspredigten machte sich von Ketteler auf den Weg, seine Gegenwart zu begreifen: über die einzelkapitalistische Organisati on der Produktion und der damit verbundenen Spaltung der Gesellschaft in Klassen sowie die Lebensverhältnisse der Menschen. So führten ihn die Predigten inhaltlich bis zur Schrift »Die Arbeiterfrage und das Christentum«, kirchenpolitisch zu Initiativen für die Gründung von Arbeitervereinen und in das von unten bestellte Amt des ›Arbeiterbischofs‹.2
Zum 150ten Todestag stößt die Stiftung ZASS der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung Deutschlands e.V. an, Kettelers Adventpredigten in Inhalt und Form zu aktualisieren, – und stellt den Kett elerpreis 2027, der zum zehnten Male verliehen wird, unter das Thema:
„Sechs Predigten über die großen sozialen Fragen der Gegenwart“
Gesucht werden aktuelle Predigten über die großen sozialen Fragen, die uns gegenwärti g umtreiben und auf die wir heutzutage eine Antwort finden müssen, soll unsere Gegenwart eine menschenfreundliche und – besser noch – gerechtere Zukunft haben. Es geht darum, soziale Verwerfungen und Probleme aus der Perspektive derer anzusprechen, denen gleichwertige Lebensverhältnisse und gleichberechtigte Teilhabe vorenthalten werden. Es geht darum, dass Menschen in der Gegenwart zulasten von Menschen in der Zukunft, zulasten von Menschen anderswo und manchmal auch zulasten von Menschen nebenan leben. Gepredigt werden soll, dass die ›großen Fragen der Gegenwart‹ nicht nur Fragen für die davon Betroff enen sind, sondern alle Menschen in Gesellschaft miteinander angehen, also ›große soziale Fragen‹
sind. Es geht darum, Antworten auf diese sozialen Fragen aufzuzeigen und Wege zu entwerfen, wie diese Antworten politisch und gesellschaftlich verwirklicht werden können.
Die Stiftung ZASS erwartet Predigten, also engagierte Ansprachen, die von denen, die angesprochen werden, verstanden werden und die sie zum Denken anregen. Die Texte sollen die Menschen bei ihren Erfahrungen ›abholen‹ und sie auf einen gemeinsamen Denkweg ›mitnehmen‹. Sie sollen ins Wort bringen, was die ›versammelte Gemeinde‹, was die Menschen heute bewegt – und gemeinsames Handeln anregen. Es geht nicht um ›heiligen Sermon‹ und um fromme Phrasen – und schon gar nicht um amtliche Belehrungen. Es geht um Predigten, die in ihren Formen so vielfältig sind wie die Frauen und Männer, die Jüngeren und die Älteren, die sie halten – und die sie womöglich auch gemeinsam mit anderen halten. Kurz sollen ihre Predigten allerdings sein, nach Maßgabe von Papst Franziskus (»… nicht länger als zehn Minuten«).3
Gesucht werden engagierte Ansprachen, die im gemeinsamen Engagement für eine bessere Welt, die Bewahrung der Schöpfung und eine menschenfreundliche Zukunft sowie in den sozialen Kämpfen unserer Gegenwart geerdet sind. Sie sprechen die Sprache derer, die sich auf den Weg gemacht haben, den sozialen Fragen und ökologischen Herausforderungen unserer Gegenwart eine Antwort zu geben. Sie teilen diesen Weg mit kriti schen Anregungen, mit Orientierungen über den Tag hinaus oder mit Bestärkung angesichts all der Rückschläge in diesen Tagen.
Erbeten werden die Predigten in schriftlicher Form ̵ ohne die Nutzung von KI ̵ bis zum 30. 12. 2026.
Aus den eingesandten Predigten wählt das Kuratorium der Stiftung ZASS sechs Predigten aus – und stellt sie zu „Sechs Predigten über die großen sozialen Fragen der Gegenwart“
zusammen. Die Autor:innen dieser sechs Predigten erhalten den Ketteler-Preis 2027 – und jeweils ein Preisgeld in Höhe von 1.000 Euro für ihre Initiative oder ihr Projekt bzw. für eine Initiative oder Projekt der eigenen Wahl. In Erinnerungan Wilhelm von Ketteler und zur Aktualisierung seiner sozialen Botschaft werden die sechs Predigten darüber hinaus in der Adventszeit in Absprache mit den Preisträger:innen an sechs unterschiedlichen Orten der Bundesrepublik in einer für Adventspredigten angemessen gottesdienstlichen Form gehalten.